Wie geht es mir eigentlich?
Nachdem ich letzte Woche meinen 100. Blogeintrag geschrieben habe, geht mir eine -schon länger zurückliegende- Frage meiner Frau nicht mehr aus dem Sinn. Denn sie sagte mir, ich erkläre alles immer so faszinierend detailliert und bis ins Kleinste, aber immer so technisch (ich bin halt der Praktiker, technisch kann man alles so leicht und verständlich erklären). Aber wie geht es mir eigentlich als Mensch? Wie fühle ich mich mit der Erkrankung und was macht das Ganze mit mir? Ich versuche das heute ein wenig zu beleuchten, auch wenn das nicht gerade meine Stärke ist...
Also generell ist eine Krebsdiagnose so mit das Einschneidendste, was einem als Mensch passieren kann. Ich kann mich noch an die Worte des allerersten Arztes erinnern, dem ich auf meinem Weg begegnet bin:
"Herr Sas, es wird nichts mehr so sein, wie es mal war..."
Und da hat er Recht behalten. Man fühlt sich in so einem Moment unglaublich hilflos, so ausgeliefert. Und irgendwie kommt das -je nach Zwischenstand oder aktueller Lage- immer wieder mal durch. Man merkt einfach, dass man als Mensch hier an seine Grenzen kommt, was psychisch und mental überhaupt möglich ist.
Ehrlich gesagt hätte ich es (irgendwann im vorgerückten Alter) tatsächlich mal für möglich gehalten, dass auch ich eventuell an Krebs erkranke. Vielleicht am Darm wegen teilweise unangepasster Ernährung, oder der Haut wegen starken Sonnenbränden in der Kindheit und seinerzeit kaum brauchbaren Sonnenschutzcremes. Aber die Lunge... niemals... das hätte ich kategorisch ausgeschlossen. Natürlich hat auch ein Nichtraucher früher viel passiv geraucht, aber dass sowas dann möglich wäre... und letztendlich kann mir das eh niemand seriös beantworten, woher es tatsächlich kommt... die Frage stellte sich am Anfang so oft, aber ich habe aufgehört, nach Antworten zu suchen, man bekommt sie einfach nicht...
Ich habe gelernt, nur noch etappenweise zu leben und zu planen. Es kam eine Zeit, in der ich nur von einer Bildgebung zur Nächsten geplant habe, also nur drei Monate im Voraus. Viel zu groß ist die Unsicherheit darüber, wie das nächste Ergebnis aussieht und was es für Veränderungen bedeutet. Immerhin waren das zu dieser Zeit noch drei Monate. Davon bin ich mittlerweile abgekommen, denn ich habe gelernt, dass sowohl mein Körper als auch der Krebs unberechenbar sind und das Morgen schon ganz anders sein kann als das Heute.
Ich möchte aber nicht alles schlecht reden. Trotz aller Rückschläge und Probleme sind es doch die kleinen Dinge, die einen so sehr erfreuen. Ich kann mich noch an den Anruf meines ersten Onkologen erinnern zum Ende der initialen Chemotherapie. Ich war sowas von am Ende und hab mir damals gesagt, das will ich nicht mehr durchmachen. Er teilte mir mit, wie sehr die Tumormarker zurückgegangen seien und dass das eine sehr gute Nachricht wäre. Meine Töchter waren damals auch dabei und wir haben uns mit Freudentränen in den Armen gelegen. Die Bildgebung hatte das damals dann auch bestätigt. Aber die guten und schlechten Nachrichten gaben sich danach quasi die Klinke in die Hand, gefühlt überwiegten die Schlechten.
Ich habe zudem festgestellt, dass sich die Beziehung zu meinen Mitmenschen verändert hat. Einige, die da große Probleme mit haben, versuchen mir aus dem Weg zu gehen, obwohl sie total mitleiden. Andere -von denen ich es in der Form nicht erwartet habe- haben sich zu echten Freunden entwickelt. Das ist unglaublich und ein großes Geschenk. Es verändert sich also nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Umfeld.
Man muss seinem Leben auch andere Prioritäten einräumen. Zum Frühstück einfach mal ins Café fahren und dort einen Kaffee trinken, innehalten. Oder sich mit einem der Kinder treffen, einfach so ohne Grund, sich austauschen, Lebenszeit teilen. Oder für 10 min die Herbstsonne auf der Terrasse genießen, Qualitätszeit. Denn viele kleine Dinge ergeben auch ein Großes. Früher habe ich eher von den großen Dingen gezehrt, die Kleinen habe ich -wenn überhaupt- nur am Rande wahrgenommen. Das hat sich grundlegend geändert.
Zudem versuche ich, mich heute nicht mehr über "Kleinigkeiten" aufzuregen. Beispielsweise habe ich aktuell seit knapp 10 Tagen kein Auto, weil die Elektronik irgendeinen Fehler auswirft, den die Werkstatt nicht findet. Früher wäre das ein Alptraum gewesen, ich ohne Auto, undenkbar. Heute ist das immer noch doof, klar, aber man sagt sich, okay kriegen wir irgendwie hin, müssen wir besser planen, und dann geht das auch.
Letztlich sind es dann die kleinen Dinge im Leben, die auf einmal so wertvoll werden, eben weil man sie nicht festhalten kann. Man muss einfach nur JA zu diesen Dingen sagen. Und vor allem muss man auch NEIN sagen können zu den Dingen, die man nicht mehr möchte. Das Leben ist nämlich mehr als das, was uns scheinbar alle ausmacht...
Zudem ist eine positive Grundstimmung gegenüber der Erkrankung fast schon überlebenswichtig. Ich weiß, das sagt sich sooo leicht. Und das ist es ganz und gar nicht. Und positiv nach vorne schauen ist sicher nicht das, was ich am meisten praktiziere. Aber es steht auf der Agenda und wir wollen uns immer gegenseitig daran erinnern. Denn ich muss meinem Körper klarmachen, dass ich weiterhin die Kontrolle über ihn habe. Dafür brauche ich einen positiven Blick. Durch meinen Glauben versuche ich diesen Blick zu behalten, auch wenn das manchmal ein echter Konflikt ist.
An manchen Tagen sitze ich hier und denke, wie soll es mal werden, was kommt noch alles auf mich zu? Will ich das eigentlich noch? Ich kann mich an letztes Jahr Weihnachten erinnern, als die Hirnmetastase gefunden wurde. Ich glaube, das war das bisher tiefste Loch, in das ich gefallen bin. Ohne meine Frau wäre ich da nicht mehr rausgekommen. Sie hat mich aufgebaut, mir positive Sichtweisen aufgezeigt, wo eigentlich gar keine waren. Irgendwie haben wir das dann doch geschafft.
Heute freue ich mich mehr denn je über jede noch so kleine positive Veränderung. Gestern zum Bespiel stand ein Termin in der Kardiologie an. Es ging um eine Kontrolluntersuchung in Bezug auf den Thrombus in der Herzkammer. Ergebnis: Im Ultraschall nicht mehr nachzuweisen. Das war wirklich eine unglaublich große Freude, bedeutet es nämlich, dass ich mich wieder mehr bewegen darf, ein bisschen Sport, vielleicht wieder mehr im Garten oder der Werkstatt. Ein positives Licht auf eine eigentlich dunkle Kulisse.
Ich glaube, Licht beschreibt es ganz gut. Denn am Ende liegt es an jedem selber, wo er Licht sieht und wo Schatten. Daher mein Rat an jeden von uns: Verliert Euch nicht im Alltag. Freut Euch an Kleinigkeiten. Lasst Licht in Eurer Leben...
